Vorteile tiefgehender Nutzerinterviews
Ewa Rutczyńska-Jamróz
29. Mai 2022・12 Min. Lesezeit
Inhaltsverzeichnis
Was ist die Methode des Tiefeninterviews?
Vor- und Nachteile von Interviews
Vorteile von Interviews
Nachteile von Interviews
Den Ablauf von Tiefeninterviews verstehen
So führen Sie User Interviews durch
Warum lohnen sich User Interviews?
Die Rolle der interviewenden Person
Die Perspektiven der Zielnutzer:innen zu verstehen, ist für die Produktentwicklung unbezahlbar. Es gibt zahlreiche qualitative Methoden der Datenerhebung, um genau das zu erreichen – und Tiefeninterviews gehören zu den wirksamsten.
Allerdings sind sie nicht unbedingt die einfachsten. Sie erfordern gründliche Vorbereitung sowie bestimmte Fähigkeiten und Eigenschaften aufseiten der interviewenden Person.
Hier ist, was Sie über Tiefeninterviews wissen sollten.
Was ist die Methode des Tiefeninterviews?
User Interviews sind eine qualitative Forschungsmethode. Sie dienen dazu, Meinungen, Perspektiven und Gefühle der Zielgruppe zu erkunden und liefern wichtige Informationen, die die finalen Merkmale eines Produkts oder einer Dienstleistung beeinflussen können.
Der Schlüssel zu effektiven Tiefeninterviews ist ein offenes Frageformat. So entstehen klare Möglichkeiten, Gedanken und Ansichten der Teilnehmenden auf einer tieferen Ebene zu erforschen.
Es handelt sich also um eine Methode, die auf die Qualität der Daten abzielt – nicht auf die Quantität – und deshalb mit kleineren Gruppen durchgeführt wird als etwa Fokusgruppen oder Umfragen.
Ein Tiefeninterview setzt die direkte Beteiligung beider Seiten voraus – der interviewenden Person und der teilnehmenden Person. Am wirksamsten sind persönliche Treffen.
So kann die interviewende Person Nutzer:innen beobachten und das Interviewszenario entsprechend anpassen. Ein Tiefeninterview kann auch remote stattfinden (z. B. per Online-Meeting oder Telefon).
Allerdings erfordert dies noch mehr Vorbereitung und Erfahrung, um möglichen Datenverlust zu vermeiden.
Allgemein kann ein Interview je nach Ziel und Rahmenbedingungen strukturiert oder unstrukturiert sein. Für das Tiefeninterview ist jedoch das halbstrukturierte Format am besten geeignet.
Dieser Ansatz hilft, zu definieren, was Sie von den Nutzer:innen lernen möchten, und lässt zugleich die Flexibilität, Zusatzfragen zu stellen und neuen Themensträngen basierend auf den Antworten zu folgen.
Laut der von UserZoom erstellten „State of UX in the Enterprise“-Umfrage sind Tiefeninterviews die bevorzugte UX-Research-Methode der Befragten. Sie übertreffen mittlerweile A/B-Testing, Umfragen und Fokusgruppen – dank zahlreicher Vorteile, die wir im Folgenden beleuchten.
Interviews lassen sich in vielen Phasen der Produktentwicklung einsetzen. Besonders wertvoll sind sie jedoch, wenn es darum geht, die Produktidee zu untermauern.
Sie liefern während des User Testings aufschlussreiches Feedback (z. B. wie das Problem aktuell gelöst wird, was aus Nutzersicht anders gemacht werden könnte). Auch zur Bewertung eines Produkts oder einer Dienstleistung im Rahmen von Usability-Tests eignen sich Interviews hervorragend.
Erfahren Sie mehr über User und Usability Testing in unserem früheren Blogpost.
Vor- und Nachteile von Interviews
Nachdem wir geklärt haben, was User Interviews sind, schauen wir uns die Pros und Contras qualitativer Tiefeninterviews an.
Ein klarer Vorteil von Tiefeninterviews ist, dass sie Einblicke und Potenzial bieten, um wertvolle Erkenntnisse für Ihr Unternehmen zu gewinnen.
Andererseits sind Tiefeninterviews die ressourcenintensivste Technik (Zeit, Geld, Personal).
Im Folgenden zeigen wir weitere Hebel, die Sie durch Tiefeninterviews gewinnen können – und einige mögliche Nachteile.
Vorteile von Interviews
Qualität der Erkenntnisse
Quantitative Forschungsmethoden helfen, die Bedürfnisse der Zielgruppe zu beziffern. Ein Tiefeninterview ist ideal, um zu verstehen, welche konkreten Themen hinter den Zahlen stecken. In den meisten Fällen erlauben Umfragen den Teilnehmenden nicht, über die Frage hinauszugehen.
Direkter Kontakt und offene Fragen können dazu führen, dass Nutzer:innen tiefere Einblicke teilen. Ein einziges gut geführtes Interview kann oft mehr offenlegen als mehrere Umfragen.
Der Vorteil liegt in der Flexibilität, zu reagieren und bei Bedarf weiter in die Details zu gehen. Und häufig sind es genau diese Details, die Ihrem Geschäft einen entscheidenden Vorteil verschaffen.
Schnelle Reaktionsfähigkeit
Da Sie in Tiefeninterviews direkt Ergebnisse erhalten, können Sie Ihre nächsten Schritte sofort anpassen. Das spart kurzfristig und langfristig Ressourcen.
Kleine Stichprobe, großer Erkenntnisgewinn
Menschen teilen ihre Meinung eher in einem persönlichen Gespräch als in einer Umfrage.
Wenn eine gut vorbereitete, empathische interviewende Person auf eine engagierte teilnehmende Person trifft, entsteht eine vertrauensvolle Atmosphäre für detaillierte Gespräche – auch zu sensiblen Themen.
Zusätzlich kann die interviewende Person Körpersprache und Tonfall als Signale nutzen, um angemessen auf Details und heikle Punkte zu reagieren.
Angesichts der Tiefe und Ehrlichkeit der Einblicke, die das Interviewformat ermöglicht, werden in der Regel deutlich weniger Teilnehmende benötigt.
Umfassendes Feedback
Tiefeninterviews können als eigenständige Methode eingesetzt oder quantitative Erhebungen ergänzen – insbesondere, wenn Zahlen schwer zu interpretieren sind.
Manchmal sagen die Zahlen allein wenig aus. In Verbindung mit den Einsichten aus Interviews können sie jedoch maßgeblich dazu beitragen, die Erfolgschancen des Produkts zu erhöhen.
Verborgene Chancen
Tiefeninterviews sind ein hervorragender Weg, in frühen Phasen der Produktentwicklung große Fortschritte zu machen. Sie sind unschätzbar, um die Zielgruppe kennenzulernen (Verhalten, Haltung, Gefühle, Wahrnehmung) und den Product-Market-Fit zu finden.
Ihr Potenzial reicht jedoch weiter: Der Fokus auf Bedürfnisse und Wünsche der Nutzer:innen ist auch der Schlüssel, um verborgene Geschäftschancen zu identifizieren.
Nachteile von Interviews
Erforderliche Ressourcen
Die Durchführung von User Interviews ist anspruchsvoll und ressourcenintensiv:
Zeit – von beiden Seiten wird oft viel Zeit benötigt
Geld – finanzielle Mittel für geeignete Rahmenbedingungen (z. B. Räumlichkeiten, Training etc.)
Personal – das Interview muss von einer qualifizierten, gut vorbereiteten Person geführt werden, um Datenverlust zu vermeiden
Um die Zeit mit Nutzer:innen optimal zu nutzen, sollten Sie Anreize bieten. Incentives erhöhen die Bereitschaft, Zeit für ein Interview aufzubringen, und sollten in der Budgetplanung berücksichtigt werden.
Qualität der Stichprobe
Es kann vorkommen, dass die ausgewählte Gruppe oder Person die Zielgruppe nicht korrekt repräsentiert. Das kann zu ebenso ungenauen wie problematischen Schlussfolgerungen führen.
Dieses Risiko betrifft jedoch nicht nur diese Methode, sondern auch Fokusgruppen und Umfragen. Tatsächlich ist das Sampling bei Interviews oft präziser als bei anderen Techniken.
Trotzdem sind Sorgfalt bei der Auswahl der Gruppe und bei der Interpretation der Ergebnisse unverzichtbar.
Ergebnisse zusammenfassen
Tiefeninterviews sind in der Auswertung herausfordernd. Einerseits ist die Zahl der Interviews bei kleinen Stichproben überschaubar.
Andererseits gilt:
Offene Fragen und flexible Strukturen führen zu umfangreichen Notizen, die später überprüft und zusammengefasst werden müssen
Vergleiche zwischen Teilnehmenden sind schwierig, wenn Interviews in unterschiedliche Richtungen laufen
Verallgemeinerungen sind problematisch, wenn der Fokus auf individuellen Meinungen liegt
Die Kombination von Tiefeninterviews mit anderen Forschungsmethoden kann beim Zusammenfassen und Schlussfolgern hilfreich sein.
Den Ablauf von Tiefeninterviews verstehen
Basierend auf „Conducting An In-Depth Interview“ (University of Florida) gibt es 7 Phasen eines Tiefeninterviews. Diese sind:
So führen Sie User Interviews durch
Stufe 1: Thematisierung
Klärung:
Was ist das Ziel des Interviews?
Ist es die einzige Methode oder Teil eines Methodenmixes?
Welche Schlüsselinformationen möchten Sie von den Nutzer:innen erhalten?
Stufe 2: Design
Ein Tiefeninterview ist eine Mischung aus Flexibilität und Struktur. Es lässt sich nicht komplett durchplanen, aber auch nicht ohne Rahmen durchführen. Daher braucht es einen Leitfaden.
Dieser sollte Kernthemen und -fragen enthalten. Seine Rolle ist, den Fokus auf die wichtigsten Aspekte zu halten und zugleich Beobachtungen sowie Zusatzfragen zu ermöglichen.
Stufe 3: Interviewdurchführung
Jedes Interview beginnt mit einer Einführung und Erklärung des Zwecks. Stellen Sie Fragen aufmerksam. Lesen Sie Körpersprache, machen Sie Notizen. Stellen Sie sicher, dass alle Themen des Leitfadens abgedeckt sind, bevor Sie das Interview beenden.
Stufe 4: Transkribieren
Diese Phase betrifft die saubere Dokumentation jedes Interviews. Wurde das Gespräch aufgezeichnet, ist eine Transkription erforderlich.
Stufe 5: Analysieren
Ohne gründliche Analyse verfehlt jedes Interview seinen Zweck. Der Leitfaden aus Stufe 2 kann bei der finalen Ableitung von Schlussfolgerungen sehr hilfreich sein.
Stufe 6: Verifizieren
Feedback ist nur wertvoll, wenn es belastbar ist. Mitunter ist eine zweite Person nötig, um zu prüfen, ob die Schlussfolgerungen valide sind – also ob beide Seiten diese gleich interpretieren.
Stufe 7: Berichten
Abhängig vom Ziel der Tiefeninterviews kann es notwendig sein, die Ergebnisse an Stakeholder zu berichten. Der Report sollte alle Schlussfolgerungen sowie Vorschläge für nächste Schritte enthalten (z. B. Anpassungen im Produktdesign).
Neben dem Verständnis der einzelnen Phasen lohnt es sich, einige wichtige Punkte für effektive Tiefeninterviews zu beachten:
Recherchieren Sie vorab zum/zur Befragten, um die Qualität der Stichprobe sicherzustellen
Legen Sie einen zeitlichen Rahmen fest, damit Teilnehmende wissen, wie viel Zeit einzuplanen ist
Wählen Sie einen angenehmen Ort
Wählen Sie die richtigen Fragen, die ehrliche Gedanken und Meinungen fördern
Vermeiden Sie suggestive Fragen, die Antworten beeinflussen
Nehmen Sie das Interview auf, damit alle Daten gesichert sind
Machen Sie Notizen zu Tonlage und bedeutender Körpersprache
Halten Sie alle ethischen Richtlinien ein
Warum lohnen sich User Interviews?
Laut Zendesk und dem Report „CX Trends 2022“ würden 76 % der Befragten bei mehreren negativen Service-Erlebnissen zur Konkurrenz wechseln.
Basierend auf „37 Customer-Experience-Statistiken, die Sie 2022 kennen müssen“ bleibt Customer Experience in den nächsten fünf Jahren die Nr. 1-Priorität für Unternehmen – noch vor Produkt oder Service selbst (Platz 2).
Tiefeninterviews können die Lücke zwischen Unternehmensvision und Kundenerlebnis schließen. Warum? Weil dabei echte Nähe zu den Nutzer:innen entsteht – zu ihren Gefühlen, Gedanken, Perspektiven und Werten.
Das liefert reichhaltige Inhalte für Ihre Planung – von Produktdesign und Features über Marketingstrategie bis zu Unique Selling Points. So erhöhen Sie die Chancen, dass Ihr Produkt oder Ihre Dienstleistung im Markt angenommen wird.
Trotz der oben genannten Nachteile (die eher als handhabbare Herausforderungen zu verstehen sind) gehören User Interviews zu den effektivsten qualitativen Erhebungsmethoden.
Wie immer sollte die Methodenwahl einer Analyse vorausgehen und von vielen Faktoren abhängen – etwa Zielsetzung und Budget. Unabhängig von der Wahl gelten diese Grundsätze für wirksame Tiefeninterviews:
Sie brauchen Führung, dürfen aber nicht zu starr sein
Sie sollten Flexibilität und Struktur kombinieren (halbstrukturierte Agenda)
Sie müssen Interaktion ermöglichen und den Teilnehmenden folgen können
Sie sollten die passenden Rahmenbedingungen schaffen, um Teilnehmende und ihre Meinungen und Gefühle einzubinden
Sie sollten Techniken nutzen, um die Perspektive der Nutzer:innen gezielt zu erforschen
Sorgfalt ist sowohl bei der Auswahl der Nutzer:innen als auch bei der Dateninterpretation geboten
Die Rolle der interviewenden Person
Der Erfolg von Tiefeninterviews hängt stark von den Kompetenzen der interviewenden Person ab. Laut „Conducting an In-Depth Interview“ der University of Florida sollte diese Person folgende Eigenschaften mitbringen:
Offenheit
Flexibilität und Reaktionsfähigkeit
Geduld
Wahrnehmungsfähigkeit
Hohe Aufmerksamkeit; die Fähigkeit zu zusammenfassen, zu paraphrasieren und Gesagtes zu spiegeln
Ideal ist eine hoch empathische Person mit ausgeprägten Soft Skills. Die richtige Person sorgt dafür, dass sich Teilnehmende wohlfühlen, sammelt relevantes Feedback und vermeidet Datenverluste. Diese Fähigkeiten sind selten.
Fehlen sie, kann die Qualität des Interviews leiden – dann kann es sinnvoll sein, externe Spezialist:innen einzubinden.
Bei Startup Development House verwandeln wir Ideen in reale Produkte. Im Rahmen von User und Usability Testing führen wir maßgeschneiderte Tiefeninterviews durch. Wir sind überzeugt, dass dies der beste Weg ist, ehrliches, aufschlussreiches Feedback zu gewinnen.
Unsere Erfahrung zeigt: Gut organisierte Tiefeninterviews können ein Geschäftsmodell wirklich validieren, es mit realer User Experience challengen und die Marktchancen nachhaltig erhöhen.
Sie haben eine Idee für eine App oder ein anderes digitales Produkt? Kontaktieren Sie uns – gemeinsam erkunden wir die echten Perspektiven Ihrer Nutzer:innen.
Digital Transformation Strategy for Siemens Finance
Cloud-based platform for Siemens Financial Services in Poland


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